Ernährungssicherheit
Roland Berger Geflügelstudie 2026: 4 Handlungsfelder
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Die deutsche Geflügelwirtschaft handelt marktorientiert, ist technologisch leistungsfähig und infrastrukturell gut aufgestellt. Zudem ist die Branche bereit, mindestens eine Milliarde Euro in moderne Ställe und in zusätzliche Schlacht- und Verarbeitungskapazitäten zu investieren. Doch laut der Unternehmensberatung Roland Berger stellen die aktuellen politischen Rahmenbedingungen ein großes Hindernis dar, sodass diese eine Milliarde Euro bisher nicht genutzt werden kann. Ein Problem. Denn wenn die Nachfrage nach Geflügelfleisch weiterhin steigt und die Branche strukturell vorbereitet sein will, darf der Aus- und Umbau nicht an langwierigen Verfahren, regulatorischen Unsicherheiten und fehlender Planungssicherheit scheitern.
Angesichts dieser Situation braucht es einen Fahrplan mit konkreten Maßnahmen, der aufzeigt, wie die Investitionsbereitschaft in reale Kapazitäten übersetzt werden kann.
Dabei kommt es darauf an, dass Wirtschaftlichkeit, Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung gemeinsam gedacht werden. Nur so lässt sich eine resiliente, wettbewerbsfähige und versorgungsfähige heimische Geflügelwirtschaft aufbauen und sichern. Ziel ist es nicht, Deutschland abzuschotten, sondern eine ausgewogene Verbindung mit dem internationalen Handel herzustellen.
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Roland Berger hat vier konkrete Maßnahmen für eine resiliente und wettbewerbsfähige Geflügelwirtschaft in Deutschland erarbeitet.
Die vier Maßnahmen im Detail:
1. Beschleunigung
Schnellere und planbarere Genehmigungsverfahren für den Ausbau der Kapazitäten
Damit die heimische Produktion ausgebaut werden kann, müssen die Betriebe schneller und leichter in neue Kapazitäten investieren können. Grundvoraussetzung dafür ist ein klares Bekenntnis der Politik zur Tierhaltung in Deutschland. Aktuell liegen die größten Hürden laut Studie jedoch im Bau- und Umwelt- und Immissionsschutzrecht. Außerdem verhindern kommunale Widerstände und eine zurückhaltende Behördenhaltung die Investitionen. Dabei werden vielerorts Genehmigungen nicht nur verzögert, sondern grundsätzlich erschwert oder verhindert.
Ebenfalls problematisch sind die Begünstigungen im Verfahren für höhere Haltungsstufen. Hier empfiehlt Roland Berger einen geförderten Kapazitätsausbau unabhängig von der formalen Haltungsstufe gleichermaßen.
Und beim Thema Umweltschutz empfiehlt die Studie, Schwellenwerte für immissionsschutzrechtliche Verfahren oder technische Auflagen in Bezug auf Wirtschaftlichkeit und Verhältnismäßigkeit besser miteinander in Einklang zu bringen. Weitere Hemmnisse und mögliche Lösungen lesen Sie auf Seite 40 der Studie.
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Der Ausbau tiergerechter Geflügelställe scheitert selten am Willen, sondern häufig am Bau- und Umweltrecht.
2. Reduzierung
Bürokratie für eine effizientere Produktion abbauen
Laut der Studie kommt es jetzt darauf an, Doppeldokumentationen zu vermeiden, um Zeit und Ressourcen zu sparen. Eine Lösung dafür kann sein, landwirtschaftliche Systeme wie die Qualitätssicherung (QS) oder die Initiative Tierwohl mit öffentlichen Berichtspflichten zu verbinden. So sind einmal erhobene Daten mehrfach für verschiedene Behörden nutzbar.
Doch wie gelingt effizientes Datenmanagement? Laut Roland Berger beispielsweise mit dem digitalenDatenmodell einer „One-Stop- Agency“ (siehe nächste Abbildung und Seite 41 der Studie), in der die Landwirte digitale Daten einmal erfassen und gezielt freigeben. Auf diese Daten können zum Beispiel die Tierseuchenkasse, Statistiken oder Fachbehörden zugreifen. Solche digitalen Lösungen vereinfachen den Informationsfluss von Unternehmen an Behörden – mit dem Vorteil, dass sich die Betriebe stärker auf ihr Kerngeschäft konzentrieren können und so weit wie möglich entlastet werden.
3. Sichtbar machen
Tierwohlvorschriften zugunsten heimischer Qualität ausrichten
Wer eine sichere Versorgung will, muss heimische Qualität fördern. Denn Roland Berger hat ermittelt, dass steigende nationale Standards auch zu immer höheren Kosten führen. Außerdem benachteiligen sie die deutsche Geflügelwirtschaft im europäischen Wettbewerb, da Mitgliedstaaten lediglich auf EU-Mindestniveau produzieren. Dabei lassen sich Tierwohlvorschriften, Impfstrategien und Biosicherheit nur dann sinnvoll gestalten, wenn ihre ökologischen, ökonomischen und handelspolitischen Wechselwirkungen differenziert betrachtet werden.
Ein Beispiel zum verantwortungsvollen Einsatz von Tierarzneimitteln lesen Sie in der Roland Berger Geflügelstudie 2026 auf Seite 42. Marktweit etablierte Programme wie die Initiative Tierwohl zeigen zudem, dass höhere Tierwohlstandards über dem EU-Mindestniveau auch in der Breite umsetzbar sind. Sie verbinden verbesserte Haltungsbedingungen mit Bezahlbarkeit, Ressourceneffizienz und ausreichender Mengenverfügbarkeit. Zusätzlich leisten sie damit einen wichtigen Beitrag zu Tierwohl und Versorgungssicherheit.
Entscheidend ist, dass Deutschland sich auf europäischer Ebene aktiv für eine Harmonisierung von Impf- und Biosicherheitsstandards einsetzt. Denn solange Drittländer geimpfte Bestände nicht akzeptieren, entstehen Handelshemmnisse, die wirksame Präventionsmaßnahmen faktisch bestrafen.
Das Ziel sollte deshalb sein:
- Handelspartner von einheitlichen, wissenschaftsbasierten Standards zu überzeugen und bei importierten Waren dieselben Anforderungen zu stellen wie im Inland. So lassen sich Tiergesundheit und Marktzugang miteinander in Einklang bringen.
- Die Politik sollte präventive Biosicherheitsstrategien aktiv fördern und den regulatorischen Rahmen dafür stärken.
- Strategische Weitsicht ist gefragt: Impf- und Therapieentscheidungen dürfen nicht allein aus Tiergesundheitsperspektive getroffen werden, sondern müssen auch den Erhalt wichtiger Exportmärkte berücksichtigen.
Die Bundesregierung kann zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Sie kann die Resilienz und Ernährungssicherheit Deutschlands verbessern und zugleich eine gesunde, proteinreiche und vergleichsweise klimaeffiziente Ernährung fördern. Die Branche ist bereit. Jetzt geht es darum, gemeinsam die richtigen Weichen zu stellen.
4. Angleichung
EU-weit gleiche Rahmenbedingungen für eine verbesserte Wettbewerbsfähigkeit schaffen
Ein funktionierender Binnenmarkt setzt ein echtes Level Playing Field (gleiche Wettbewerbsbedingungen) voraus. Das bedeutet: Zentrale Rahmenbedingungen bei Tierwohlauflagen, Umwelt- und Emissionsstandards, Arbeits- und Sozialstandards und bei der Kontrollintensität müssen EU-weit vergleichbar streng ausgestaltet sein. Eine unterschiedliche Auslegung und Vollzugspraxis führen zu Wettbewerbsverzerrungen und Produktionsverlagerungen.
Auch in der Handelspolitik braucht es Klarheit, so Roland Berger: Handelsabkommen müssen sicherstellen, dass Importe aus Drittländern vergleichbaren Standards unterliegen, mengenmäßig begrenzt oder durch wirksame Ausgleichsmechanismen flankiert werden. Nur so entsteht ein effektiver Rahmen für eine vollständige Wirksamkeit der beschriebenen Maßnahmen.
Wer Ernährungssouveränität sicherstellen will, muss tierischen Lebensmitteln auch politisch einen hohen Stellenwert einräumen und im europäischen Kontext als sensible Güter behandeln. Höhere Standards bei Tierwohl, Umwelt- und Arbeitsschutz gehen mit höheren Produktionskosten einher. Wenn die Politik solche Standards vorgibt, muss sie diese handelspolitisch absichern.