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Neues aus der Geflügelfleischwirtschaft September 2022
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Unheilvolles Déja-vu: Welche Branchen haben Priorität in der Krise?

Unheilvolles Déja-vu: Welche Branchen haben Priorität in der Krise?

In der Corona-Pandemie hat die deutsche Politik die Geflügelwirtschaft schnell als systemrelevante Branche eingestuft und entsprechend behandelt. Mit Unterstützung von Bundes- und Landeskrisenstäben gelang es uns, die Menschen mit Geflügelfleisch aus Deutschland durchgängig zu versorgen – trotz Krankheitswellen unter Arbeitskräften und Quarantänemaßnahmen in unseren Verarbeitungsunternehmen.

Systemrelevant – nach Corona-Recht – sind wir bis heute. Wir gehören – nach Ernährungssicherungsgesetz – auch zur kritischen Infrastruktur. Welcher Status aber kommt uns zu, sollte Energie knapp werden und rationiert werden müssen? Können unsere Produzenten damit rechnen, weiter Gas zu bekommen, wenn nicht genug für alle zur Verfügung steht? Wir produzieren ohne Zweifel „lebenserforderliche Güter“, wie Lebensmittel in den Abwägungskriterien der Bundesnetzagentur heißen.

Diese wird für unsere großen Gasverbraucher eine Einzelfallentscheidung treffen müssen. Wir glauben: Die Geflügelwirtschaft muss in die Lage versetzt bleiben, für volle Regale im Lebensmitteleinzelhandel zu sorgen. Sollte die Netzagentur das wider Erwarten anders sehen und es zu einer spürbaren Quotierung kommen, brauchen unsere Betriebe schnellstmöglich die notwendigen Informationen, um sich darauf vorzubereiten.

Wir müssten dann die gesamte Wertschöpfungskette, von der Brüterei bis zur Verpackung und Logistik, entsprechend den Vorgaben durchorganisieren. Die Bundesnetzagentur versäumt bisher, rechtzeitig Szenarien durchzuspielen, Prioritäten zu definieren und den Akteuren der Wirtschaft, speziell der Lebensmittelerzeugung, Planungssicherheit zu geben. Verheerend für unsere Tierhalter, die durch die grassierende Geflügelpest aktuell schon genug belastet sind (ein Tierarzt berichtet hier im Newsletter über die dramatische Lage in Niedersachsen).

Auch über die Gasthematik hinaus erwarten wir eine klare Prioritätensetzung von der Regierung. Welche Wirtschaftszweige und Branchen „verdienen“ nicht nur akute Krisenhilfe, sondern auch langfristig die Unterstützung von Politik und Gesellschaft? Hier geht es um eine praktikable und ökonomisch tragfähige Transformation der Geflügelhaltung in eine sichere Zukunft. Dafür fehlen beispielsweise immer noch die notwendige langfristige Tierwohlprämie und die Öffnungsklauseln für Bau- und Emissionsrecht. Uns läuft die Zeit davon. Positive Entscheidungen müssen schnellstmöglich getroffen werden, damit die Ernährung der Bevölkerung mit hochwertigen, verantwortungsvoll produzierten heimischen Lebensmitteln gesichert bleibt.

Warum wir überzeugt davon sind, dass eine starke heimische Geflügelwirtschaft jetzt und in Zukunft unverzichtbar für Deutschland ist, lesen Sie in dieser Ausgabe unseres Newsletters.

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre.

Ihr Friedrich-Otto Ripke

Im Fokus: SYSTEMRELEVANZ

Gut für Körper und Klima: Warum Geflügelfleisch zu einer nachhaltigen Ernährung gehört

Gut für Körper und Klima: Warum Geflügelfleisch zu einer nachhaltigen Ernährung gehört

Essen ist Nahrung. Essen ist Genuss. Essen ist auch Verantwortung!  Geflügelfleisch punktet in jeder dieser Dimensionen. Das ist wichtig, wenn es um die Frage geht, welche Bereiche der Lebensmittelwirtschaft jetzt und künftig besondere Verantwortung dafür tragen, die Ernährung der Bevölkerung zu sichern.

Es ist in unseren Breiten eigentlich unvorstellbar: Dass die Bevölkerung im Supermarktregal statt der gewohnten Vielfalt an Lebensmitteln stellenweise womöglich einmal gähnende Leere vorfindet. Das Szenario ist durch die Schrecken des Kriegs gegen die Ukraine, durch die teils gestörten Lieferketten, die immens gestiegenen Produktionskosten und durch die drohende Gasknappheit durchaus realistisch geworden. Denn es kann passieren, dass nicht alle Bereiche der Lebensmittelerzeugung durchgängig mit Energie versorgt werden können, wenn diese rationiert werden muss. Damit droht die Produktion ins Stocken zu geraten – im Bereich der Nutztierhaltung mit verheerenden Folgen, auch für den Tierschutz.

Geradezu zynisch: Ideologische Fleisch-Gegner nutzen die angespannte Situation aus, um ihren altbekannten Forderungen nach einer Komplett-Abkehr von der Nutztierhaltung Nachdruck zu verleihen. Gerade bei Geflügel könne man doch angesichts der kurzen Lebensdauer der Tiere in Herbst und Winter einfach ein paar Produktionszyklen aussetzen, um Energie zu sparen, hieß es zuletzt. Eine absurde Vorstellung, die postwendend zu leeren Regalen bei Geflügelfleisch führen würde – und das, obwohl die Nachfrage der Bevölkerung hiernach seit Jahren kontinuierlich steigt, im Gegensatz etwa zum Konsum von Rotfleisch.

Der Erfolg kommt nicht von ungefähr. Die Vorzüge von Hähnchen, Pute und Co. im Überblick.

Wertvolles Nahrungsmittel

Hähnchen- und Putenfleisch hat wenig Fett – und das enthaltene Fett besteht aus vielen ungesättigten Fettsäuren, die gut für den Cholesterinspiegel und damit die Herz-Kreislauf-Gesundheit sind. Damit ist das Fleisch nicht zuletzt leicht verdaulich und kalorienarm. Gleichzeitig bringt es hochwertiges Eiweiß, viele Vitamine und Mineralstoffe wie Eisen und Zink mit. Schon 100 Gramm Geflügelfleisch decken den Tagesbedarf eines erwachsenen Menschen an Niacin zu 77 Prozent, an Vitamin B6 zu 37 Prozent und an Vitamin B12 zu 15 Prozent. Und: Im Geflügeleiweiß sind alle Bausteine enthalten, die der Körper zum Aufbau von Muskeln, Haut und Knochen braucht. Kein Wunder, dass das „weiße“ Fleisch besonders bei Fitnessbewussten beliebt ist (hier gibt es tolle Rezepte und Zubereitungstipps).

In anderen Worten: Für eine ausgewogene Ernährung ist Geflügelfleisch immens wertvoll. „Wer darauf, aus welchen Gründen auch immer, verzichten möchte, möge das tun – aber bitte nicht per politisch verordnetem Zwangs-Shutdown für die Geflügelfleisch-Produktion“, sagt ZDG-Präsident Friedrich-Otto Ripke.

Klimaverträglichkeit

Zur Wahrheit gehört, dass die Produktion von Geflügelfleisch Auswirkungen auf die Umwelt hat. Aber ihre CO2-Bilanz fällt vorteilhafter aus, als Kritiker glauben machen. Das zeigt die umfassende Analyse verschiedener Produktgruppen (Fleisch, Milch, Getreide, Obst, Hülsenfrüchte) in der Studie „Klimaschutz im Agrar- und Ernährungssystem Deutschlands: Die drei zentralen Handlungsfelder auf dem Weg zur Klimaneutralität“ aus dem Jahr 2021.

Das Interessante: Die Studie löst sich von der reinen Emissionsbetrachtung pro Kilogramm des fertigen Produkts und führt auch Energie- und Eiweißgehalt als Bezugsgrößen ein. Das macht Sinn, denn für die Einschätzung, in welchem Bereich der Lebensmittelerzeugung CO2-Emissionen am ehesten „akzeptabel“ sind, ist es durchaus entscheidend, wie wertvoll ein Lebensmittel für eine ausgewogene Ernährung ist.

  •  Energiegehalt: Betrachtet man die Treibhausgasemissionen für jeweils 1.000 Kilokalorien des entsprechenden Produkts, verursacht Hähnchenfleisch der Studie zufolge mit 1,71 Kilogramm sogenannten CO2-Äquivalenten nur wenig mehr Emissionen als Gemüse mit 1,65 Kilogramm. Im Vergleich zu Geflügel emittieren beispielsweise Schweinefleisch 1,86 Kilogramm, Käse 2,91 Kilogramm und Rindfleisch 11,68 Kilogramm CO2-Äquivalente je 1.000 Kilokalorien.
  • Eiweißgehalt: Bezogen auf die CO2-Emissionen pro 100 Gramm erzeugten Eiweißes des jeweiligen Produkts liegt Hähnchenfleisch mit einem CO2-Äquivalent von einem Kilogramm noch weiter vorne. Der Wert bewegt sich auf dem Niveau von Obst und Getreide – Gemüse und Käse landen mit 3 Kilogramm CO2-Äquivalenten deutlich dahinter.
  • Dünger-Effekt: Bei der Erzeugung von Milch und Fleisch gibt es natürliche Düngemittel quasi klimaneutral obendrauf. So ist Geflügelmist aufgrund des hohen Nährstoffgehalts und mineralischer Komponenten ein wertvoller Dünger in der Landwirtschaft. Ohne Tierhaltung müssten stattdessen mineralische Ersatzprodukte hergestellt werden – mit entsprechend negativen Effekten auf die Klimabilanz.

 Vorreiter bei Tierwohl-Standards

Die deutschen Hähnchen- und Putenhalter haben in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte für das Tierwohl unternommen – und zwar weitgehend aus eigenem Antrieb und auf eigene Kosten, denn nennenswerte Unterstützung aus der Politik gab es weder auf EU- noch auf nationaler Ebene.

Speziell die heimischen Putenerzeuger haben sich mit den sogenannten „Bundeseinheitlichen Eckwerten“ freiwillig Spitzen-Haltungsstandards gegeben, die auch innerhalb der EU – leider, muss man sagen – immer noch ihresgleichen suchen.

Beleg für die bisherigen Tierwohl-Errungenschaften ist nicht zuletzt auch der durchschlagende Erfolg der Initiative Tierwohl (ITW). Deren Haltungsformstufe 2 ist bei Geflügelfleisch im gekennzeichneten Lebensmitteleinzelhandel längst Standard – und für Verbraucher wie auch Erzeuger tierwohlgerecht und bezahlbar.

Fazit:

Wer auf Fleisch nicht aus ideologischen Gründen komplett verzichten möchte, aber großen Wert auf den Faktor Gesundheit, auf Klimaverträglichkeit und eine tierwohlbewusste Produktion legt, kommt an Geflügelfleisch nicht vorbei. „Diesen vielfältigen Beitrag für Ernährungssicherung und Nachhaltigkeit sollte auch die Politik würdigen – unsere Tierhalter haben es verdient“, so ZDG-Präsident Ripke.

Verantwortung, Tradition, Fortschritt: Geflügelwirtschaft als Arbeitgeber und Zukunftsbranche

Verantwortung, Tradition, Fortschritt: Geflügelwirtschaft als Arbeitgeber und Zukunftsbranche

Die Geflügelwirtschaft ernährt abertausende Menschen. Direkt über die Produktion wertvoller Nahrungsmittel. Und indirekt als Arbeitgeber. Auf die Wirtschafts- und Innovationskraft dieser Branche kann Deutschland seit vielen Jahren bauen.

Schon die Corona-Pandemie hat offengelegt, wie wichtig die Ernährungssicherheit gerade in Krisenzeiten ist. Aktuell machen die Folgen des Angriffskriegs gegen die Ukraine einmal mehr deutlich, wie sehr wir auf eine starke heimische Erzeugung von Lebensmitteln angewiesen sind – gerade bei Fleisch. Eine starke heimische Produktion bietet Kreislaufwirtschaft, kurze Wege, besseren Klimaschutz und integrierte Wertschöpfungsketten. Sie ist nicht zuletzt wichtig, damit die hohen Qualitäts- und Tierwohlstandards, auf die Politik und Gesellschaft zu Recht Wert legen, nicht durch Billigimporte aus dem Ausland unterlaufen werden.

„Die deutsche Geflügelwirtschaft hat eine lange Tradition, eine gesellschaftliche Verantwortung sowie eine enorme Wirtschaftskraft, die weit über den ländlichen Raum hinaus Wirkung entfaltet“, sagt ZDG-Präsident Friedrich-Otto Ripke. „Damit sie auch in Zukunft wettbewerbsfähig bleibt, braucht sie die Unterstützung der Politik, die Perspektiven und Planungssicherheit schaffen muss.“

Die wichtigsten Fakten zur Branche auf einen Blick.

Die Betriebe der deutschen Geflügelwirtschaft…

  • sind nach vorläufigen Zahlen aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium im Jahr 2021 auf eine Bruttoeigenerzeugung von knapp 1,8 Millionen Tonnen Schlachtgewicht gekommen
  • haben damit, ebenfalls nach BMEL-Zahlen, fast 97 Prozent des in Deutschland verzehrten deutschen Hähnchen- und Putenfleisches erzeugt (entspricht dem sogenannten „Selbstversorgungsgrad“, der sich als Quotient aus Bruttoeigenerzeugung und Verbrauch berechnet)
  • generieren jährlich rund 8,6 Mrd. Euro Bruttowertschöpfung und leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Produktivität der Volkswirtschaft in Deutschland
  • beschäftigen über alle Wertschöpfungsketten hinweg rund 170.000 Menschen in Deutschland, nehmen dabei ihre Verantwortung als Arbeitgeber ernst und halten soziale Standards über alle Beschäftigungsformen hinweg ein
  • sorgen über Steuern und Abgaben jährlich für 3 Mrd. Euro öffentliche Einnahmen.

 

All diese Kennzahlen zeigen: Stärkt die Politik die verantwortungsvolle Nutztierhaltung am Standort Deutschland mit Rahmenbedingungen wie einem modernen Baurecht, mit der längst fälligen Herkunftskennzeichnung für Fleisch im Außer-Haus-Verzehr und einer soliden Finanzierung für Stallumbauten, rentiert sich diese „Investition“ in die Zukunft in vielfacher Hinsicht für die gesamte Gesellschaft.

Menschen & Geschichten

Dramatische Geflügelpest: „Das macht auch uns Tiermediziner betroffen“

Die Geflügelpest wütet aktuell in deutschen Ställen – mit dramatischen Folgen für Landwirte und ihre Tiere. Ein Veterinärmediziner berichtet von der Situation vor Ort und gibt Tipps zur Virenbekämpfung. 

Dr. Erwin Sieverding leitet eine große Tierarztpraxis im niedersächsischen Lohne bei Oldenburg. Der Fachtierarzt praktiziert seit über 30 Jahren, betreut Geflügel- und Schweinebestände und hat mehrere Bücher sowie Fachartikel zu dem Thema geschrieben. Einen so lang andauernden, heftigen Seuchenzug wie den aktuellen hat er noch nicht erlebt. Wir haben mit ihm gesprochen.

 FRAGE: In Deutschland spitzt sich die Lage bei der Geflügelpest (hochpathogene Influenza-Virus-Infektion oder HPAI, Abkürzung für Highly Pathogenic Avian Influenza) aktuell dramatisch zu: Ein Seuchenzug von bislang nicht gekanntem Ausmaß befällt immer mehr Ställe. Wie erleben Sie die aktuelle Welle? Was können Sie vor Ort für die betroffenen Betriebe tun?

Dr. Sieverding: Im Gegensatz zu den anderen Jahren mit HPAI-Fällen haben wir seit 2021 eine geänderte Infektionslage. Hatten wir in der Vergangenheit von Ende April bis Anfang November Ruhe, hat sich der Erreger H5N1 in der Wildgeflügelpopulation nun endemisch gehalten. Das heißt, auch im Sommer gab es sporadische Infektionen in der Nutzgeflügelhaltung, und das setzt sich jetzt im Herbst fort. Wir können leider nicht viel mehr tun, als immer wieder darauf hinzuweisen, wie wichtig die Einhaltung von Hygienemaßnahmen ist.

FRAGE: Viele Tiere müssen vorsorglich gekeult werden. Ist das etwas, das Ihnen emotional zusetzt?

Dr. Sieverding: Für jeden, der mit der HPAI zu tun hat, ist es schlimm, keine hundertprozentige Empfehlung zur Vermeidung einer Infektion ausgeben zu können. Wir erleben teilweise große Hilflosigkeit bis zu Existenzängsten bei den betroffenen Betrieben. Das macht auch uns als Tiermediziner betroffen.

FRAGE: Als Tierarzt sind Sie sicher auch Vertrauensperson für die Landwirte. Welchen Eindruck machen die Geflügelhalter aus den betroffenen Betrieben auf Sie?

Dr. Sieverding: Unterschiedlich. Es gibt Tierhalter, die dazu neigen, die Ursache für die Situation als erstes bei sich zu suchen. Diese sind emotional häufig sehr angegriffen, hier helfen klärende Gespräche. Andere Tierhalter, die Emotionen nicht so nahe an sich heranlassen, können mit einer Totalräumung besser umgehen und lenken sich mit dem Blick auf die Zeit nach der Aufhebung aller Restriktionen ab.

 FRAGE: Was können Geflügelhalter überhaupt tun, um die Lage in den Griff zu bekommen? Zu welchen Präventionsmaßnahmen raten Sie, um Ansteckungen zu vermeiden?

Dr. Sieverding: Hier hat eine Analyse des NGW (Niedersächsischer Geflügelwirtschaftsverband), der Putenbrüterei Kartzfehn und betroffener Tierärzte interessante Hinweise gegeben. Sie haben gemeinsam das Seuchengeschehen 2020/21 auf mögliche Eintragsrisiken in Putenhaltungen untersucht. Dabei kam heraus, dass Standorte in der Nähe von Feuchtgebieten oder Wasseransammlungen eher betroffen waren. Auf Betriebsebene war auffällig, dass Betriebe, in denen Beschäftigte vor Betreten jedes einzelnen Stalles die Schuhe wechselten, weniger betroffen waren.

Da auch die Zuluft eine Eintrittspforte für virusbehaftete Staubpartikel sein kann, kann es das Verbreitungsrisiko reduzieren, wenn die Frischluftzufuhr von der windzugewandten Seite unterbunden wird. Auch die Anbringung von Luftfiltern verringert die Eintragsmöglichkeit. Um virusbehaftete Staubpartikel in Offentränken abzutöten, kann außerdem eine Trinkwasserdauerdesinfektion mit Chlordioxyd oder Virkon H2O Sinn machen.

FRAGE: Die aktuellen Maßnahmen reichen offensichtlich nicht aus, um die Geflügelpest langfristig unter Kontrolle zu bekommen. Die Rufe nach einer Impfung werden lauter – ist das aus medizinischer Perspektive ein richtiger Schritt? Und gibt es weitere Maßnahmen, die von der Politik vorangetrieben werden sollten?

Dr. Sieverding: Die Aviäre Influenza ist nach allem, was wir wissen, endemisch in unserer Wildvogelpopulation angekommen. Aus meiner Sicht kommt man deshalb um eine Erweiterung der bisherigen Bekämpfungsstrategie, dem Keulen von positiven Beständen, nicht herum. Die Einbindung einer sogenannten AI-Impfung – zur Vorbeugung und zur Bekämpfung – ist nicht nur aus moralischer und ethischer Sichtweise geboten, sondern auch aus wirtschaftlicher Sicht. Zur Zeit tragen die Tierseuchenkassen und die Ertragsausfallversicherung – falls vorhanden – die Entschädigungskosten. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis dies auf die Beiträge umgelegt wird.

FRAGE: In einigen Regionen der Welt, in denen AI endemisch ist, wird bereits fleißig geimpft – z.B. in Südostasien, Nordafrika oder Mittelamerika. Warum kommt die EU nicht hinterher?

Dr. Sieverding: Zur Zeit sind bei uns keine AI-Impfstoffe zugelassen. In einem ersten Schritt muss die EU die Weichen dafür stellen: Für geimpfte Tiere müssen die gleichen innereuropäischen Handelswege gelten. Die PCR-Testtechnik, die sich in der Corona-Pandemie bei Menschen bewährt hat, kann auch bei Geflügel zum Einsatz kommen, um zweifelsfrei Influenzavirus-RNA nachzuweisen.

Nur wenn die EU sehr zeitnah die Bedingungen, die an eine AI-Schutzimpfung gebunden sind, überarbeitet, werden sich Firmen finden, die AI-Impfstoffe weiterentwickeln und auf den europäischen Markt bringen.

Die Voraussetzung für ein sicheres und einfaches DIVA-Konzept (DIVA = Differentiating Infected from Vaccinated Animals), das für einen freien Warenhandel erforderlich ist, gibt es. Auch, dass die EU schnell handeln kann, hat Corona gezeigt. Also – warum starten wir nicht?

Geflügelzukunft on air

Mehr Frauen in die Landwirtschaft – aber wie?
Mehr Frauen in die Landwirtschaft – aber wie?

Frauen sind das Rückgrat der deutschen Landwirtschaft – doch in Führungspositionen stark unterrepräsentiert. Über Gründe und Lösungsansätze diskutieren die Soziologin Prof. Dr. Claudia Neu und die Vorsitzende des Verbandes Deutscher Putenerzeuger, Bettina Gräfin von Spee. Als Impulsgeberin dabei: Hähnchenhalterin Kristin Schultz, die spannende Einblicke in ihren Alltag gibt.

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Gewusst, wie

Nicht nur bio! Warum wir Nachhaltigkeit breiter denken müssen
Nicht nur bio! Warum wir Nachhaltigkeit breiter denken müssen

Fast jede politische Institution und Wirtschaftsbranche hat mittlerweile eine Nachhaltigkeitsstrategie. Klar ist: Wir müssen global und branchenübergreifend nachhaltig agieren, damit unser Planet lebenswert bleibt. Nicht so klar ist: Wie definiert sich das große Wort mit N? In der Debatte über die deutsche Landwirtschaft wird nachhaltig zu oft auf bio beschränkt.

Seit Jahren befindet sich die Landwirtschaft in einem kräftezehrenden Transformationsprozess, in dem die Politik große Ziele vorgibt und wenig Planungssicherheit bietet. Aktuell lässt der Krieg in der Ukraine die Preise entlang der gesamten Wertschöpfungskette explodieren, die Versorgung der energieintensiven Fleischwirtschaft mit Gas ist in Gefahr – und die Geflügelwirtschaft wird momentan zudem massiv von der Vogelgrippe-Welle belastet. Und was macht das Bundeslandwirtschaftsministerium? Einen Berater einstellen, der den Ausbau des Ökolandbaus in einem eigens geschaffenen Referat vorantreibt.

Dieser Schritt ist ein weiteres Indiz dafür, dass die Regierung beim Thema Nachhaltigkeit im Kontext der Ernährungs- und Landwirtschaft vorrangig an bio denkt. Mit diesem verkürzten Verständnis und einseitigen Vorgehen steht Deutschland ziemlich allein da. „Die Welt wird unserem Verständnis nicht folgen können“, schrieb Agrarwissenschaftler Jürgen Struck bereits 2021 in einem Beitrag für die Konrad-Adenauer-Stiftung.

17 UN-Nachhaltigkeitsziele ruhen auf drei Säulen

Die nachhaltige Entwicklung unserer Gesellschaft basiert im Wesentlichen darauf, die folgenden drei Faktoren zu harmonisieren: ökologische Verträglichkeit, soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Die Vereinten Nationen haben 17 globale Nachhaltigkeitsziele definiert, die auf diesen drei Säulen beruhen. Neben Zielen, die den ökologischen Aspekt im Blick haben, wie z. B. „Maßnahmen zum Klimaschutz“, sind hier auch Ziele genannt, die soziale oder wirtschaftliche Fragen betreffen: „Keine Armut“, „Kein Hunger“ oder „Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum“. Der Weg zu mehr Nachhaltigkeit kann nur erfolgreich sein, wenn wir kontinuierlich alle ihre drei Säulen stärken.

Ernährungssicherheit für zehn Milliarden Menschen

Die wohl wichtigste Aufgabe der Landwirtschaft ist: Menschen ernähren. Rein rechnerisch kann ein Landwirt nach Angaben des Bundesinformationszentrums Landwirtschaft (BZL)  heute 139 Menschen mit Nahrung versorgen – dank dem technologischen Fortschritt und den damit verbundenen Effizienzsteigerungen mehr als doppelt so viele wie noch 1990.

Um den weltweiten Hunger auch in Zukunft zu stillen, muss insbesondere die konventionelle Landwirtschaft bestehen bleiben. Anders ist die Ernährungssicherheit für zehn Milliarden Menschen im Jahr 2050 nicht zu gewährleisten. Ein Alles-Bio-Szenario ist keine nachhaltige Lösung. Und auch der deutsche Markt braucht den Mix aus konventioneller Landwirtschaft und bio, damit Fleisch für alle Menschen bezahlbar bleibt. „Geflügelfleisch trägt zu einer ausgewogenen Ernährung bei und gehört für einen Großteil der Bevölkerung zur Ernährungstradition“, sagt ZDG-Präsident Friedrich-Otto Ripke. „Es darf nicht durch übertriebene Regulierung und immer höhere, nicht gegenfinanzierte Haltungsansprüche der Politik zum Luxusgut werden.“

Wirtschaft braucht fairen Wettbewerb

Die Fleischindustrie ist ein etablierter Wirtschaftszweig. Sie trägt zum Wohlstand der Gesellschaft bei und bietet vielen Menschen eine Erwerbstätigkeit – allein die Geflügelwirtschaft sorgt nach Zahlen der AVEC, des Verbandes der europäischen Geflügelwirtschaft, innerhalb der Europäischen Union  für über 370.000 Arbeitsplätze. Der aktuelle Kurs der deutschen Landwirtschaftspolitik, der zu oft rein ideologisch geprägt ist, gefährdet die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Branche. Schon jetzt erschweren Billigimporte den Verkauf von Geflügel mit deutschen Haltungsstandards, die zu den höchsten weltweit gehören. Eine weitere Zuspitzung der Situation würde das Aus für deutsche Firmen bedeuten, der deutsche Markt mit noch mehr billigem Importfleisch geflutet. Deshalb: Höhere Haltungsstufen, bis hin zu bio, sind für heimische Landwirte nur machbar, wenn die Finanzierung dafür geklärt ist.

Nachhaltigkeit ohne Scheuklappen

Wer unmittelbar mit nachwachsenden Ressourcen wirtschaftet, hat ein natürliches Interesse daran, auch in den kommenden Jahren ausreichend Erträge zu erzielen – und einen gut funktionierenden Betrieb an die nächste Generation zu übergeben. Auch das ist eine Facette von Nachhaltigkeit.

ZDG-Präsident Ripke warnt: „Wir dürfen die landwirtschaftliche Debatte nicht mit Scheuklappen führen. Wenn wir in Zukunft über Nachhaltigkeit reden, müssen wir alle relevanten Dimensionen berücksichtigen“. Nur mit einem ganzheitlichen Denken und Handeln seien die Ziele der UN erreichbar. „Ansonsten gefährden wir die globale Ernährungssicherheit, Wohlstand und Tradition unseres Landes sowie die Zukunft der deutschen Landwirtschaft.“

Der Gegencheck

Ungesunder Veganismus

These: „Pflanzliche Ersatzprodukte sind das bessere Fleisch!“

Vegane Ernährung ist ein gut sichtbarer Ernährungstrend. Laut Statista gaben 2020 erstmals über eine Millionen Menschen hierzulande an, vegan zu leben – heute sind es bereits über 1,5 Millionen. Die Folge: Stark verarbeitete vegane Lebensmittel – im Englischen auch vegan junk food genannt – „fluten“ gefühlt die Supermarktregale. Und zumindest eine bestimmte Käuferklientel langt bei pflanzlichen Würstchen, Nuggets, Schnitzeln und sogar Köttbullar kräftig zu. Häufig steckt dahinter die Überzeugung, damit der eigenen Gesundheit etwas Gutes zu tun.

Doch das Werbeversprechen entpuppt sich aus ernährungswissenschaftlicher Perspektive als Mogelpackung: Wer regelmäßig zu veganen Fertigprodukten greift, riskiert negative gesundheitliche Folgen. Zu diesem Schluss kommen unter anderem eine Studie der World Health Organisation (WHO). Auch von der Cambridge University Press veröffentlichte Forschungsergebnisse weisen darauf hin. Eine Expertin der British Dietetic Association resümiert in einem BBC–Interview: „Es ist viel einfacher geworden, ein sehr ungesunder Veganer zu sein.“

Das Problem: Die veganen Produkte kommen meist nicht einmal in die Nähe des Nährwerts natürlicher, tierischer Lebensmittel, die sie ersetzen sollen. In Fleischersatz-Produkten stecken oft große Mengen an ungesättigten Fetten, Zucker und Salz. Zudem enthalten Veggie-Nuggets und Co. häufig Aromazusätze, Farbstoffe, Emulgatoren und andere künstliche Zusätze, damit sie länger haltbar sind und ihren fleischlichen Vorbildern geschmacklich und optisch näherkommen. Gleichzeitig sind sie arm an Ballaststoffen, Vitaminen und wichtigen Mineralien. Dieser Mix aus Mangel an Nährstoffen und Überschuss an Zusatzstoffen kann auf Dauer krank machen. Letzteres gilt, zugegebenermaßen, für jede Form von einseitiger Ernährung – ob mit Fleisch oder ohne.

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